Info Nr. 54 / 31.5.2026
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„Die Solidarität lässt für sie, so sagt Daniela, die Sonne aufgehen“
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Hallo,
am Mittwoch, d. 27.5.2026 ging am 69. Verhandlungstag der Prozess gegen Daniela zu Ende.
Es ist ja euch allen bekannt, dass die Kammer unter dem Vorsitz Engelke am Landgericht Daniela zu 13 Jahren Haft verurteilt hat.
Noch im Prozess haben die Verteidiger*innen Undine Weyers und Lukas Theune Revision eingelegt.
2 Tage später hat die Staatsanwältin Marquardt ebenfalls Revision eingelegt, die ja bekanntlich 15 Jahre Haft gefordert hatte.
Die schriftliche Urteilsbegründung wird im Oktober 2026 erfolgen. Erst dann können die Verteidiger ihren Revisionsantrag innerhalb einer Frist von 4 Wochen schriftlich begründen. Der Bundesgerichtshof wird über die beiden Revisionsanträge entscheiden.
Auf jeden Fall ist Daniela froh, dass jetzt dieser Prozess zu Ende ist und sie vor allem die Marquardt nicht mehr sehen muss.
Im Laufe der nächsten Monate wird das zuständige Oberlandesgericht in Frankfurt die Anklageschrift der Bundesanwaltschaft zulassen, davon müssen wir ausgehen.
Es verdichten sich die Hinweise, dass Daniela in der zweiten Junihälfte nach Frankfurt verlegt wird. Ihre Anwälte werden vorher nicht informiert werden, auch ist davon auszugehen, dass Daniela selbst erst eine Stunde vorher von der Verlegung erfahren wird.
So findet kurzfristig eine sog. Abschiedskundgebung vor der JVA in Vechta am 6. Juni 2026 um 13 Uhr auf dem Bürgermeister-Möller-Platz statt.
Es ist dann nach der Verlegung geplant, am 18. Juli 2026 eine Begrüßungskundgebung vor dem Knast in Frankfurt zu machen.
Ihr werdet zeitnah über das Info informiert werden und schaut bitte auf unserer Internetseite.
Wir haben ein paar Artikel aus verschiedenen Medien zum Urteil sowie eine Erklärung von solidarischen Menschen aus Stuttgart hier veröffentlicht.
Im Anhang selbst sind die Prozesserklärungen der Gefangenen „Ulm 5“ sowie eine Pressemitteilung der Verteidiger am/zum 5. Verhandlungstag. Daniela verfolgt diesen Prozess mit großem Interesse und ist solidarisch mit den Angeklagten.
Gruppe: Solidarität mit Daniela
solidarisch-mit-daniela@t-online.de / www.solidarisch-mit-Daniela.de
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Stuttgart:
Solidaritätsaktion für Daniela Klette nach ihrer Verurteilung zu 13 Jahren Haft
Gestern Abend haben wir eine Dienststelle der Klassenjustiz – die Genenralstaatsanwaltschaft Stuttgart – aufgesucht und die Parole „Freiheit für Daniela“ neben den Haupteingang gesprüht. Damit wollen wir unsere Verbundenheit mit Daniela sichtbar machen, die gestern Mittag vom Landgericht Verden im ersten Prozess gegen sie zu 13 Jahren Knast verurteilt wurde.
Die Prozesse gegen Daniela sind politische Prozesse!
Nach 30 Jahren Leben in der Illegalität wurde Daniela Anfang 2024 in Berlin verhaftet. Die aufwendige Fahndung, die beispiellosen Hetz- und Fahnungs-Kampagnen gegen Daniela, Volker und Burkhard, Aufrufe zur Denunziation und der gesamte Prozessverlauf zeigen den politischen Willen des Staates.
Den Staatsbehörden geht es mit der Verfolgung, Verhaftung und den Prozessen vor allem um eines: Eine Generalabrechnung mit militantem Widerstand und revolutionärem Aufbegehren.
Die Bundesanwaltschaft hat alle Mittel genutzt, um öffentlich das Bild einer unpolitischen kriminellen Bande zu zeichnen, der Menschenleben gleichgültig seien und die bereit sei für Geld zu töten. Daniela und auch Burkhard aus dem Untergrund haben sich diesen Versuchen der Entpolitisierung und Dämonisierung früh mit einer klaren politischen Haltung entgegengestellt und die damals wie heute gültige Legitimität und Notwendigkeit von radikalem Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse verteidigt.
Unsere Sehnsucht nach einer besseren Welt verbindet uns!
Was uns mit Daniela verbindet ist das tägliche Erleben, was die herrschenden Verhältnisse an Unrecht, Leid und Verwerfungen hervorrufen. Es ist die Einsicht in die Notwendigkeit Widerstand zu organisieren. Es ist die tiefe Überzeugung in die Machbarkeit fundamentaler Veränderung und die Sehnsucht danach eine bessere Welt aufzubauen.
Daniela ist in einer Zeit aufgewachsen und politisch aktiv geworden, in der faschistische Kontinuitäten, aber auch der Zeitgeist des revolutionären Aufbruchs das Weltgeschehen dominierten. In der BRD ging der Staatsaufbau damit einher, das reihenweise ehemalige Nazi-Funktionäre in einflussreiche Positionen des Staatsapparats integriert wurden. Früh erlebte sie am eigenen Leib, was die kapitalistische Konsum- und Leistungsgesellschaft, was eine auf Konkurrenz und Profit ausgerichtete Wirtschaftsordnung mit ihr und der Gesellschaft macht. Wie das System die Menschen voneinander entfremdet, vereinzelt und kaputtmacht.
Gleichzeitig prägte sie der wachsende Widerstand gegen diese Verhältnissen, die Kollektivität der Freund:innen und Genoss:innen, der Aufbruch der 68er Bewegung, die Massendemonstrationen gegen die Kriegsverbrechen der USA in Vietnam, die antipatriarchalen Kämpfe und antikolonialen Befreiungsbewegungen in Afrika, Asien und Lateinamerika.
Die beginnenden 70er Jahre waren eine Zeit, in der die Feuer der Revolution auf allen Kontinenten lichterloh brannten, wo Millionen Menschen gegen imperialistische Fremdbestimmung und für eine befreite Gesellschaft aufbegehrten. In der Revolution und Sozialismus zum Greifen nah schienen. Der Zeitgeist des Aufbruchs befeuert auch den radikalen Widerstand in der BRD. Ähnlich wie in anderen europäischen Ländern formierten sich auch in Deutschland militant kämpfende Gruppen und die Stadtguerilla. Bei allen Fehlern und Lehren, die wir heute aus dem damals gescheiterten strategischen Ansatz der Stadtguerilla ziehen können und müssen, sind diese Teil unserer revolutionären Geschichte und Erbes, das uns heute stärkt und weiter trägt. Es ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern mit unserer Gegenwart eng verbunden. Damals wie heute sind es die gleichen Fragen vor denen wir als Revolutionär:innen und Kommunist:innen stehen: Die Suche nach den richtigen Wegen, Mitteln und Organisationsformen um ein Bruch mit diesem System zu bewerkstelligen. Die Frage nach der Effizient oppositioneller Aktionen im Kampf gegen imperialistische Kriegspolitik und kapitalistische Ausbeutung. Internationale Solidarität, die nicht nur auf Worten, sondern Erfahrungsaustausch, praktischer Unterstützung und materieller Hilfe aufbaut.
Der Kampf geht weiter – mit diesem System zu brechen bleibt unser gemeinsames Ziel!
Der Kampf für soziale Befreiung, den Erhalt unserer Lebensgrundlagen und eine Weltordnung der Kooperation und Solidarität geht weiter. Gegen Daniela steht ein weiterer Prozess an, in dem drei Anschläge verhandelt werden, darunter die Sprengung des Knastneubaus in Weiterstadt durch die RAF im Jahr 1993. Zeigen wir unsere Solidarität und begleiten die anstehenden Verfahren.
Liebe und Kraft, in Untergrund und Haft!
Allen Genoss:innen in Haft und allen, die sich dem staatlichen Zugriff weiter erfolgreich entziehen senden wir Kraft und Liebe hinter die Knastmauern und wo immer ihr euch auch aufhaltet.
Freiheit für Daniela
Freiheit für alle politischen Gefangenen.
Die Rote Hilfe:
Abschreckung als Justizprinzip: Racheurteil gegen Daniela Klette
Mehr als ein Jahr lang wurde Daniela Klette unter Hochsicherheitsbedingungen vorgeführt, isoliert und öffentlich dämonisiert. Nun verurteilt das LG Verden die linke Aktivistin zu 13 Jahren Haft – obwohl die Beteiligung an den vorgeworfenen Taten nicht bewiesen werden konnte. Die Rote Hilfe spricht von einem politischen Schauprozess und einem Akt der Gesinnungsjustiz.
Am heutigen Mittwoch, 27. Mai 2026, endete ein offen politischer Schauprozess, der sich seit mehr als einem Jahr hingezogen hatte: Das Landgericht (LG) Verden verhängte 13 Jahre gegen Daniela Klette, obwohl die Vorwürfe gegen die linke Aktivistin nicht bewiesen werden konnten. Mit diesem Urteil blieb es nur wenig hinter der Forderung der Staatsanwaltschaft zurück, die für die vermeintliche Beteiligung an Überfällen 15 Jahre Haft verlangt hatte.
Der Prozess war von Anfang an als politisches Spektakel inszeniert worden, das die Angeklagte dämonisieren und alle Sympathisant*innen einschüchtern und abschrecken sollte. Schon vor dem Prozessauftakt am 25. März 2025 war Daniela Klette regelmäßig in Hand- und Fußfesseln vorgeführt worden und konnte sich durch eine zwangsweise umgehängte Spezialweste kaum bewegen. Die Gefangenentransporte spielten sich in rollendem Kriegsgerät ab, für das die Straßen weiträumig abgesperrt wurden, um die vermeintliche Gefährlichkeit zu unterstreichen. Ebenso ist sie selbst unter äußerst strengen und schikanösen Bedingungen in Untersuchungshaft, anfangs sogar in Isolationshaft, die international als „weiße Folter“ gilt. Für den eigentlichen Prozess wurden alle erdenklichen Antiterror- und Hochsicherheitsmethoden bemüht und Beobachter*innen kriminalisiert.
Dabei beschränkten sich die eigentlichen Vorwürfe, die hier zur Anklage kamen, in erster Linie auf mehrere Überfälle auf Geldtransporter und Supermärkte, an denen Daniela beteiligt gewesen sein soll. Die Mitgliedschaft in der Stadtguerilla Rote Armee Fraktion war angeblich nicht Gegenstand des Verfahrens – doch es verging keine Minute, in der dieses Thema nicht mitklang und den gesamten Verlauf prägte.
Mehr als ein Jahr und dutzende Verhandlungstage nach dem Prozessauftakt konnten noch immer keine klaren Beweise für die Beteiligung an den Überfällen erbracht werden. Stattdessen stützt sich das heutige Urteil auf Indizien, Mutmaßungen und politische Zuschreibungen. Es setzt den Verurteilungswillen um, den die Staatsanwaltschaft vorgegeben hatte, als sie 15 Jahre Haft für Daniela Klette forderte.
Die Verteidigung hatte hingegen auf Freispruch plädiert, da die Teilnahme an den Überfällen in keinem Fall bewiesen werden konnte. Ausschließlich der Besitz von Waffen sei möglicherweise zu bestrafen, wobei die Polizei diese erst nach der Verhaftung in der Wohnung gefunden habe. Dass die Waffen erst zwischenzeitlich dort platziert worden seien, sei daher nicht auszuschließen. Daniela Klette selbst hatte am 12. Mai 2026 in einem kämpferischen Schlusswort ihre politische Motivation und Biografie betont und die offen politische Justiz angeprangert. „Das heutige Urteil gegen Daniela Klette ist ein weiteres Paradebeispiel der politischen Justiz, die hier eine Generalabrechnung mit militantem linkem Engagement und mit kämpferischen politischen Bewegungen des vergangenen Jahrhunderts vollzieht“, erklärte Hartmut Brückner vom Bundesvorstand der Roten Hilfe e. V. „Obwohl die Rote Armee Fraktion sich vor fast drei Jahrzehnten aufgelöst hat und die in diesem Prozess verhandelten Vorwürfe ebenfalls Jahrzehnte zurückliegen, verfolgt der Staat unbarmherzig und rachsüchtig alle, die mit der damaligen Bewegung in Verbindung gebracht werden. Ganz unverhohlen wurde an Daniela Klette heute ein Exempel statuiert.“ Abschließend erklärte Brückner: „Wir protestieren gegen diesen Akt der Unrechtsjustiz und fordern ein Ende der politischen Verfolgung.“
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2 Beiträge aus der jungen welt
Ein Schauprozess
Haftstrafe für Daniela Klette
Von Nick Brauns
Die mutmaßliche frühere Militante der Roten Armee Fraktion ist am Mittwoch vom Landgericht Verden zu einer Haftstrafe von 13 Jahren verurteilt worden. Obwohl es nur um Jahrzehnte zurückliegende Überfälle für das Leben im Untergrund nach Selbstauflösung der RAF ging, überschattete der Terrorismusvorwurf das ganze Verfahren. Ein eigens umgebauter Hochsicherheitsgerichtssaal, zeitweilige Isolationshaft, ihre Vorführung in Hand- und Fußfesseln dämonisierten die Angeklagte als besonders gefährlich. Fast drei Jahrzehnte nach dem Ende der Stadtguerilla wurde in einem Schauprozess Rache für die chronische Erfolglosigkeit der damaligen Fahnder geübt. Eine Tatbeteiligung s an den Überfällen konnte in dem auf Indizien und Mutmaßungen beruhenden Verfahren zwar nicht nachgewiesen werden. Doch es galt, ein Exempel zu statuieren – zur Abrechnung mit einer militanten Linken der Vergangenheit und zur Einschüchterung zukünftigen Widerstands.
An dem Tag, an dem wegen einiger Überfälle auf Geldtransporter verurteilt wurde, enthüllt eine neue Studie, dass rund 5.000 Superreiche mehr als ein Viertel des gesamten deutschen Finanzvermögens besitzen. Ein Reichtum, der von Millionen Lohnabhängigen erwirtschaftet und von wenigen geraubt wurde. Nicht mit vorgehaltener Pistole, sondern (in der Regel) ganz legal im Rahmen der vom bürgerlichen Staat geschützten kapitalistischen Ausbeuterordnung. »Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?« heißt es dazu treffend in Brechts Dreigroschenoper.
Die Finanzkapitalisten verfügen über eine demokratisch nicht legitimierte Macht über das Schicksal von Millionen Menschen, die sie in Arbeits- und Obdachlosigkeit, in Armut und Krieg stoßen können. Doch das System des Kapitalismus ist zu umfassend, als dass es sich durch bewaffnete Aktionen einer kleinen selbsterklärten Avantgarde gegen seine Charaktermasken in die Knie zwingen lässt. Man kann sich ihm auch nicht durch Abtauchen in die Illegalität dauerhaft entziehen. Zu seiner Überwindung braucht es den Klassenkampf von Millionen Werktätigen.
hat in ihrem Schlussplädoyer deutlich gemacht, dass sie sich weiterhin als Teil einer Bewegung versteht für »eine Welt, die jede Form von Unterdrückung hinter sich lässt«. In diesem Sinne: Freiheit für Daniela !
Spektakel um Strafe
Das ehemalige RAF-Mitglied Daniela Klette wurde wegen sechs Überfällen zu 13 Jahren Haft verurteilt. Rote Hilfe übt scharfe Kritik
Von Kristian Semmler
In der zum Gerichtssaal umgebauten Reithalle am Stadtrand von Verden brandete Empörung auf, als das Urteil verkündet wurde. Am Mittwoch hat das Landgericht Verden das mutmaßlich ehemalige Mitglied der 1998 aufgelösten Rote Armee Fraktion (RAF), , wegen bewaffneter Raubüberfälle zu 13 Jahren Haft verurteilt und blieb damit nur zwei Jahre unter der Forderung der Bundesanwaltschaft. s Verteidigung hatte einen Freispruch gefordert, weil es keine Beweise gebe, dass ihre Mandantin an den Überfällen beteiligt gewesen sei. Nach jW-Informationen wollen die Anwälte Revision gegen das Urteil beim Bundesgerichtshof einlegen.
Verurteilt wurde unter anderem wegen schweren Raubs in sechs Fällen sowie wegen versuchten schweren Raubs, Verstößen gegen Waffengesetze und erpresserischen Menschenraubs. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die 67jährige zwischen 1999 und 2016 – gemeinsam mit den in der Illegalität lebenden früheren RAF-Militanten Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub – sechs Überfälle begangen hat, um ihr Leben im Untergrund zu finanzieren. Ziel der Aktionen waren demnach Geldtransporter und Kassenbüros von großen Supermärkten. Die Gesamtbeute lag laut Anklage bei 2,4 Millionen Euro.
Das Gericht zeigte sich überzeugt davon, dass , Garweg und Staub sich gut kannten, seit spätestens 1999 im Untergrund lebten und einen gemeinsamen Tatplan hatten. »Sie gingen bei ihren Überfällen arbeitsteilig und äußerst konspirativ vor«, erklärte der Vorsitzende Richter Lars Engelke. Die mutmaßliche Zugehörigkeit zur früheren RAF habe in diesem Verfahren keine Rolle gespielt, erklärte er mehrfach.
Die höchste Einzelstrafe bekam dem NDR zufolge für den Überfall auf einen Geldtransporter in Cremlingen (Landkreis Wolfenbüttel). Dort habe sie einen Wachmann mit einer Panzerfaustattrappe bedroht, hieß es in der Urteilsbegründung. Ihre Komplizen schossen demnach auf den Geldtransporter, um in das Fahrzeug und an das Geld zu kommen. Einer der Wachleute sei anschließend gefesselt worden. Beide Wachmänner wurden dem Richter zufolge bei dem Überfall traumatisiert.
Während des Prozesses war entschieden worden, dass fünf Taten nicht weiter verfolgt werden. Damit ging es vor Gericht letztlich um acht Überfälle in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. An sechs dieser Überfälle war die Angeklagte nach Überzeugung des Gerichts beteiligt. Auch die Nebenklage hatte s Schuld als erwiesen angesehen. Anders als die Staatsanwaltschaft wertete sie den Überfall auf einen Geldtransporter am 6. Juni 2015 in Stuhr nahe Bremen nicht als versuchten Mord, sondern als versuchten schweren Raub. Damit folgte die Nebenklage der Einschätzung des Gerichts.
Anders sah das die Verteidigung. Die Anwälte erklärten im Prozess, es sei völlig unklar, wer die Raubüberfälle begangen habe. Es gebe keine Beweise dafür, dass an den Überfällen beteiligt war. Erwiesen sei lediglich der Verstoß gegen das Waffengesetz, führten die Juristen mit Blick auf Waffenfunde in s Wohnung aus.
droht zudem ein weiteres Gerichtsverfahren. Dabei geht es um Straftaten, die sie in ihrer mutmaßlichen RAF-Zeit begangen haben soll. Die Bundesanwaltschaft legt ihr unter anderem die Mittäterschaft bei drei RAF-Anschlägen zwischen 1990 und 1993 zur Last. Ihre Mitgliedschaft in der Vereinigung selbst ist mittlerweile verjährt.
Scharfe Kritik am Urteil und am Prozess äußerte die Solidaritätsorganisation Rote Hilfe e. V. Der Prozess sei »von Anfang an als politisches Spektakel« inszeniert worden, das die Angeklagte »dämonisieren« sollte, heißt es in einer Mitteilung. sei regelmäßig in Hand- und Fußfesseln vorgeführt worden, die Transporte zum Gericht und zurück hätten sich in »rollendem Kriegsgerät« abgespielt. Die Rote Hilfe kritisierte zudem die »äußerst strengen und schikanösen Bedingungen« für in der Untersuchungshaft. Obwohl es im Prozess um Raubüberfälle gegangen sei und nicht um s Mitgliedschaft in der »Stadtguerilla Rote Armee Fraktion«, sei keine Minute vergangen, »in der dieses Thema nicht mitklang und den gesamten Verlauf prägte«. Das Urteil stütze sich nur »auf Indizien, Mutmaßungen und politische Zuschreibungen«. Hartmut Brückner vom Bundesvorstand der Roten Hilfe sprach in der Mitteilung von einem »weiteren Paradebeispiel der politischen Justiz«. Es werde »eine Generalabrechnung mit militantem linkem Engagement und mit kämpferischen politischen Bewegungen des vergangenen Jahrhunderts« vollzogen.
Vor dem provisorischen Gerichtssaal hatten nach jW-Informationen mehr als 100 Unterstützer bereits vor der Urteilsverkündung ihre Solidarität mit gezeigt. Auf Spruchbändern forderten sie unter anderem Freiheit für alle politischen Gefangenen. Eine andere Aufschrift lautete: »Solidarität lässt für sie, so sagt , die Sonne scheinen.«
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perspective-online:
Urteil im Schauprozess gegen Daniela Klette: Eine politische Abrechnung mit dem Erbe der RAF
Daniela Klette wurde am Mittwoch in einem politischen Schauprozess abgeurteilt. Mit 13 Jahren Haft rächt sich der Staat für revolutionären bewaffneten Widerstand und statuiert ein Exempel.
Ein Kommentar von Eduard Dunker.
Am Mittwoch fand nach 14 Monaten und 69 Verhandlungstagen ein juristisches Spektakel sein vorläufiges Ende. Daniela Klette, mutmaßliches ehemaliges Mitglied der Stadtguerilla Rote Armee Fraktion (RAF), wurde in einem politisch geführten Schauprozess verurteilt. Behandelt wurden diverse Geldbeschaffungsaktionen, die Klette gemeinsam mit den weiterhin untergetauchten Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub zur Finanzierung ihres Lebensunterhalts durchgeführt haben sollen.
Fünf Überfälle auf Geldtransporter, zwei auf Supermärkte, einen auf einen Großmarkt. Tatzeitraum: Juli 1999 bis Juni 2016. Erbeutete Summe: 2,7 Millionen Euro. Urteil: 13 Jahre Haft. Damit wurde die Forderung der Staatsanwaltschaft von 15 Jahren – ursprünglich für versuchten Mord – beinahe erfüllt. In Deutschland stellt eine lebenslange Freiheitsstrafe die Höchststrafe dar, wird oft jedoch nach 15 Jahren zur Bewährung ausgesetzt.
Zweifelhafte Beweisführung
Überraschen tut dieses harte Urteil nur wegen der extrem schwammigen Beweislage. Denn der einzige Beweis, der gegen Klette angeführt wurde, ist, dass in einem Fluchtauto DNA von ihr gefunden worden sein soll. Zum einen prangern ihre Anwälte dabei an, dass die Auswertung fehlerhaft gewesen sei. Zum anderen sei unklar, wann diese Partikel in das Auto gelangten, oder ob sie durch dritte, also Personen, mit denen Klette Kontakt hatte, in das Auto übertragen hätten werden können. Durch die DNA-Spuren sei also nicht beweisbar, dass Klette zur Tatzeit am Tatort gewesen sei. Hinzu kommt, dass die Sachverständige den Namen der Betroffenen kannte und so die Daten nicht – wie sonst gängig – anonymisiert analysiert habe. Damit sei sie voreingenommen gewesen, was die Probe verfälsche.
Angeführt wurden gegen Klette vor allem jede Menge Indizien, die Gegenstände wie Bargeld und Waffen aus Klettes Wohnung lieferten – wobei auch hier Ungereimtheiten auftraten. Sie wurden nämlich erst nach der Verhaftung gefunden. All diese Zweifel schienen den Richter jedoch wenig zu beeindrucken, was für alle Beobachter:innen auch kaum verwunderlich ist. Immerhin wurde trotz aller Beteuerungen, man behandle nur die Überfälle, deutlich, dass es um mehr ging.
Doch auch dahinter kann politisches Kalkül vermutet werden: Daniela Klette, ein durch und durch politischer Charakter, soll als gewöhnliche Banditin diffamiert und entpolitisiert werden. Mit ihr verurteilt wird jedoch ein ganzes Kapitel revolutionärer Geschichte. Mit den unbeugsamen Feinden dieses Systems soll abgerechnet werden.
Ein Exempel für alle Widerständigen
Noch ist der Staat auch nicht fertig mit Daniela Klette: Geprüft wird aktuell, ob ein Verfahren für ihre mutmaßliche Beteiligung an Anschlägen der RAF in den 90er Jahren zulässig ist. Die mutmaßliche Mitgliedschaft selbst ist zwar verjährt, doch das stillt den Verfolgungsdurst des Staates wenig. An der 67-Jährigen soll also ein Exempel statuiert werden. Das ist schon das gesamte Verfahren über spürbar.
Zu Beginn des Verfahrens wurde Klette regelmäßig in Hand- und Fußfesseln vorgeführt. Eine ähnliche Inszenierung als gefährliche Schwerverbrecherin gab es zuletzt im Zuge der Verhaftung von Lina E. im November 2020. Nach ihrer Festnahme wurde sie in Handschellen gekettet im Helikopter nach Karlsruhe geflogen wurde, um dem Haftrichter vorgeführt zu werden. Sie wurde später zu fünf Jahren Haft verurteilt, nachdem sie zuvor bereits fast drei Jahre in Untersuchungshaft gesessen hatte.
Für ihre Gefangenentransporte rollte Klette in gepanzerten Wagen – was für Laien auch ein Panzer hätte sein können – über gesperrte Straßen. Auf dem Weg wurde sie gezwungen, eine Bleiweste anzuziehen. Begleitet wurde ihr Erscheinen vor Gericht stets mit einem enormen Polizeiaufgebot von dutzenden vermummten Beamten mit Maschinenpistole im Anschlag und strengen Einlasskontrollen. Den Gipfel bildete eine für 3,6 Millionen, bis Mitte Mai 2027 angemietete Reithalle, die nur für diesen Prozess zu einem Staatsschutzsaal nach allen Hochsicherheitsmethoden umgebaut wurde. Dort schränkte die Justiz dann auch die Presse ein, indem den Medienvertreter:innen ab Dezember der Zugang zum Presseraum in den Pausen verweigert wurde.
Nicht nur außerhalb der Gefängnismauern rächt sich der Staat an Klette. In Untersuchungshaft war sie strengen und schikanösen Bedingungen ausgesetzt. Anfangs steckte sie sogar in Isolationshaft, die international als Foltermethode geächtet wird. Auch das hat im Umgang mit der RAF Tradition. Außerdem wurde die Übergabe von Post und einer Tageszeitung immer wieder bewusst verzögert. Daneben richtete sich die Repression gegen solidarische Gruppen und Personen. So bekamen alle Besucher:innen von Klette anschließen eine Vorladung der Polizei. Manchen Bekannten wurde der Besuch grundsätzlich verboten. Die Anmelderin von Solidaritätskundgebungen verlor zudem ihren Job als Krankenschwester.
Unbeugsam, militant, Gewaltbereit – das Erbe der RAF
Daniela Klette ist jedoch nicht eingeknickt und ist auch in ihrer Überzeugung stark geblieben. Wie aus ihrem Schlussplädoyer hervorgeht, sieht sie noch immer den Kapitalismus und den deutschen Staat – als Produkt dieser ungerechten Ordnung – als Feind. Sie hat militanten Widerstand geleistet gegen den Kapitalismus mitsamt seiner Auswüchse und den deutschen Staat über drei Jahrzehnte an der Nase herumgeführt. Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub tun dies weiterhin und lösen nach vermeintlichen Sichtungen immer wieder Großeinsätze der Polizei aus.
Speziell die Frage der Gewalt macht den Fall von Daniela Klette und das Erbe der RAF für den Staat so brennend. Die RAF steht als Beispiel für den grenzenlosen, also auch bewaffneten Widerstand gegen den deutschen Imperialismus. Damit hat sie – auch Jahrzehnte nach ihrer Selbstauflösung – bewiesen, dass der Staat nicht allmächtig ist, dass er bluten kann. Sie hat also einen sehr wunden Punkt getroffen, der auch nach all der Zeit eine Reaktion in aller Härte nach sich zieht.
Um diese Vorbilder geht es also in Wirklichkeit in dem Verfahren: Es geht darum, einen Mythos zu brechen und ein Signal an alle zu senden, die das herrschende System nicht hinnehmen wollen, die aufbegehren und Widerstand leisten, die alle Kampfmittel gegen den Imperialismus nutzen. Der Staat will Macht demonstrieren und klar machen: Wir kriegen euch alle! Doch noch kann er dieses Versprechen nicht einlösen – immerhin beweisen Garweg, Staub und weitere untergetauchte Antifaschist:innen noch immer das Gegenteil.
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nd-online
Ein politischer Prozess, der keiner ist
Das Landgericht Verden verurteilt die militante Linke zu 13 Jahren Haft. Die Anklage tat so, als ob sich Andreas Baader für seine Taten zu verantworten hätte.
Ein Kommentar von Christian Klemm
Verden ist eine beschauliche Kreisstadt an der Autobahn 27 kurz vor Bremen, gelegen an der Aller, die ganz in der Nähe in die Weser mündet. Überregional macht sie kaum Schlagzeilen: Mitunter taucht mal ein Bericht über ein großes Reitturnier in der Stadt auf. Für gewöhnlich aber ist Verden eine gewöhnliche Kleinstadt, in der ab 20 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden.
Hier, im schönen niedersächsischen Nirgendwo, hat jedoch einer der bedeutendsten Prozesse der jüngeren deutschen Geschichte stattgefunden: Daniela Klette, im Frühjahr 2024 in Berlin-Kreuzberg festgenommen, musste sich vor dem dortigen Landgericht wegen Raubüberfällen auf Supermarktkassen und Geldtransporter verantworten. Eigens dafür wurde im Ortsteil Eitze eine Reithalle zu einer Festung umfunktioniert, die an die Mehrzweckhalle in Stuttgart-Stammheim erinnert, wo von Mitte der 70er bis in die 2010er Jahre Gerichtsverfahren gegen Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) stattgefunden haben. Der Prozess endete am Mittwoch: Das mutmaßliche Mitglied der ehemaligen Stadtguerilla muss 13 Jahre in den Knast.
Mit genau dieser Inszenierung hat die Staatsanwaltschaft einen ganz besonderen Zweck verfolgt: Klette wurde als eine Frau dargestellt, die eine Gefahr für die Öffentlichkeit sei. Eine militante Linke, blutrünstig, skrupellos und ohne Gewissen, bereit, jederzeit wieder zuzuschlagen. Eine klare Vorverurteilung der Angeklagten. Die Berichte der konservativen Presse fielen dementsprechend tendenziös aus, die öffentliche Meinung wahrscheinlich auch.
Zudem war der Prozess von Anfang an politisch. Und dafür gab es keinen Grund: Klette wurden gewöhnliche Überfälle zur Last gelegt. Eine politische Tat ist ein Überfall auf einen Geldtransporter aber nicht. Er würde erst zu einer werden, wenn damit ein politischer Zweck verfolgt wird. Das aber ist nicht der Fall gewesen: Klette hat mit dem erbeuteten Geld ihren Alltag im Untergrund finanziert. Nicht mehr und auch nicht weniger. Das Gericht allerdings tut so, als ob Andreas Baader persönlich auf der Anklagebank gesessen hätte, nur weiblich und mit grauen Haaren.
Und die Bundesanwaltschaft lässt nicht locker: Sie will Klette erneut vor den Kadi zerren. Sie soll an einem Anschlag auf die US-Botschaft in Bonn, einem versuchten Anschlag auf ein Rechenzentrum der Deutschen Bank und an der Sprengung der im Bau befindlichen JVA Weiterstadt beteiligt gewesen sein, die letzte der RAF zugerechnete Aktion. Alles ist mehr als 30 Jahre her. Selbst wenn Klette in einem weiteren Verfahren daran eine Beteiligung nachgewiesen werden sollte: Niemand wurde dabei verletzt, geschweige denn getötet.
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Der Spiegel
Prozess gegen mutmaßliche Ex-RAF-Terroristin Klette
Als der Richter das Urteil verkündet, bricht Tumult aus
Das Landgericht Verden verurteilt Daniela Klette zu 13 Jahren Gefängnis: Sie habe Raubzüge mit hoher krimineller Energie verübt. Ihre Anhänger protestieren und lassen sich aus dem Saal zerren.
Aus Verden berichtet Julia Jüttner, Spiegel 27.05.2026
Ariane Müller hat sich auch an diesem Mittwochmorgen auf den Weg gemacht, wie Dutzende Male zuvor. Sie hat den Zug nach Bremen genommen, ist dort um- und später in einen Bus gestiegen, der sie hierhergebracht hat, nach Eitze, einen ländlichen Stadtteil von Verden an der Aller.
An der Haltestelle Am Gohbach ist sie ausgestiegen und den Rest zu Fuß gegangen. Vorbei an Polizeiwagen, vermummten Polizisten mit schusssicheren Westen und Maschinengewehren. Vorbei an Sicherheitszäunen und Stacheldraht. So erzählt sie es.
Es ist ihre vorerst letzte Reise in die umgebaute Reithalle, die an diesem abgelegenen Ort in Niedersachsen als Gerichtssaal dient in einem historischen Verfahren: Dem Prozess gegen Daniela Klette, an diesem 69. Verhandlungstag will der Vorsitzende Richter Lars Engelke das Urteil verkünden.
Mehr als 30 Jahre abgetaucht
Klette war mutmaßlich Mitglied der RAF, einer Gruppe von Linksterroristen, die sich 1998 auflöste. Mehr als 30 Jahre lang war die 67-Jährige abgetaucht, lebte zuletzt in einem Apartment in Berlin-Kreuzberg. Vor zwei Jahren wurde sie enttarnt, im März 2025 begann der Prozess.
Neben Ariane Müller sind Dutzende Sympathisanten in die niedersächsische Provinz gereist. Sie füllen alle vorgesehenen Reihen für Zuschauer hinter einer gepanzerten Glasscheibe. Die Stimmung ist gut. Als Klette um 10.40 Uhr reinkommt, springen viele auf, applaudieren, johlen.
Vier Minuten später verkündet Richter Engelke: Daniela Klette soll wegen besonders schweren Raubs in sechs Fällen, des erpresserischen Menschenraubs und Verstößen gegen das Waffengesetz für 13 Jahre ins Gefängnis.
Die Stimmung kippt. Aus dem Zuschauerblock hallt: »Freiheit für Daniela!« Eine Frau hat sich auf ihr weißes T-Shirt »Freiheit« gesprüht, unter lautem Geschrei ziehen sie Wachtmeister aus der Menge. Im Chor rufen einige: »Freiheit für alle politischen Gefangenen!« Wachtmeister gehen dazwischen, mehrere Zuschauerinnen lassen sich unter Widerstand zum Ausgang zerren. Eine schreit: »Wir sind hier, um Solidarität zu zeigen!«
Richter Engelke fährt unbeirrt fort: Klette habe gemeinsam mit ihren mutmaßlichen Komplizen aus RAF-Zeiten, Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub, zwischen 1999 und 2016 die Kassenbüros von großen Supermärkten und Geldtransporter überfallen, maskiert und teilweise schwer bewaffnet. Dabei habe das Trio rund 2,4 Millionen Euro erbeutet. Die beiden Männer sind noch immer auf der Flucht.
Keiner im Gerichtssaal dürfte mit einem Freispruch gerechnet haben. Am wenigsten Daniela Klette selbst. Sie sitzt da, hat ihre Schuhe ausgezogen, macht sich Notizen. Ihre Verteidiger mussten sie nicht darauf vorbereiten, dass ihr eine hohe Freiheitsstrafe droht. »Das weiß sie«, sagte Verteidiger Lukas Theune im Vorfeld.
Zweieinhalb Stunden lang begründet Engelke, warum die Richter Klette für schuldig halten. Staub, Klette und Garweg seien »arbeitsteilig und äußerst konspirativ« vorgegangen; sie hätten mit einer »zeitaufwendigen Planung« die Überfälle vorbereitet und durchgeführt. Es sei ihre »Arbeit« gewesen. »Einer anderen Erwerbstätigkeit gingen sie nicht nach«, sagt Engelke und spricht von »hoher krimineller Energie«.
Blumen für Klette
Ariane Müller sitzt in der ersten Reihe und schreibt mit. So wie an fast allen vergangenen 68 Verhandlungstagen. Nur vier Mal habe sie gefehlt, sagt sie. Meist sei sie die einzige Journalistin gewesen, habe für »Junge Welt« und die »Rote Hilfe Zeitung« geschrieben, Medien, bei denen Verfassungsschützer eine Nähe zum Linksextremismus sehen.
Das berufliche Schicksal von Müller ist eng mit dem Verfahren verknüpft. Jahrzehntelang war sie Krankenschwester. Doch im Frühjahr 2024 organisierte sie eine Kundgebung für Klette vor dem Gefängnis in Vechta, in der Klette einsitzt. Das Klinikum Bremen-Mitte entließ Ariane Müller wegen der Sympathiebekundung.
»Ich habe mich aus menschlichen Gründen mit ihr solidarisch erklärt«, sagt Müller. Aus ihrem Berufsalltag als Krankenschwester wisse sie, wie krank Isolationshaft mache. Das sei für sie »der Antrieb« gewesen, Klette kennenzulernen. »Wir beide sind seither an einem Gedankenaustausch interessiert.«
Fünf Mal habe sie Klette im Gefängnis besucht, bis im August 2024 die Justizvollzugsanstalt ein »Besuchsverbot« verhängt habe. »Mir wurde unterstellt, dass ich zwischen den Gesuchten und ihr vermitteln würde«, sagt Müller. Seither hält sie Kontakt durch die gepanzerte Glasscheibe im Gerichtssaal, schickt der Gefangenen auch mal einen Blumenstrauß.
Karten mit Fingerabdrücken
Schräg hinter Müller sitzt der frühere RAF-Terrorist Karl-Heinz Dellwo, auch er hat sich als Journalist akkreditiert. Er war beteiligt an einer Geiselnahme in der deutschen Botschaft in Stockholm 1975. Damals erschossen RAF-Mitglieder zwei Menschen. Dellwo wurde zweimal zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt, bis 1995 saß er im Gefängnis. Wie beim Prozessauftakt kommt er entspannt als einer der Letzten. Ruhig beobachtet er die Tumulte im Zuschauerraum.
Richter Engelke zählt detailliert auf, was die Kammer festgestellt hat: Beispielsweise sei es Klettes Job gewesen, Wohnungen in der Nähe der Tatorte anzumieten, die Tatorte mit Garweg auszuspionieren und bei der Tat das Fluchtauto zu fahren. Vor allem die Unmengen an Asservaten, die in Klettes Wohnung sichergestellt wurden, würden auf eine »Eigentatbeteiligung« hinweisen: viele Zeitungsausschnitte zu den Überfällen, Karten mit den Fingerabdrücken des Trios, hohe Geldbeträge und eine strenge Buchführung über Einnahmen und Ausgaben.
Ariane Müller hört aufmerksam zu. Dass Daniela Klette verurteilt wird, daran hat auch sie nicht gezweifelt. Sie teilt die Sicht der Verteidigung, die da lautet: Auch nach dem Prozess sei ungeklärt, wer die Taten verübte. So sagt es Anwalt Lukas Theune. Gegen Klette gebe es keine Beweise. Sie habe gegen das Waffengesetz verstoßen, mehr aber nicht. Wegen der Raubüberfälle sei sie freizusprechen.
Als Richter Engelke am Ende der Urteilsbegründung erklären will, wie Daniela Klette nun Rechtsmittel einlegen könne, fällt ihm Theune ins Wort: »Revision ist bereits eingelegt.« Er will das Urteil anfechten. Bis Oktober hat die Kammer Zeit, das Urteil schriftlich zu begründen; dann erst kann die Verteidigung die Revision begründen, der Bundesgerichtshof muss entscheiden. So lange ist das Urteil nicht rechtskräftig. Daniela Klette bleibt in Untersuchungshaft.
Ob Klette, Staub und Garweg Mitglieder der RAF waren, sei für dieses Verfahren hier in Verden nicht von Bedeutung, betont Engelke. Klette wird als Räuberin verurteilt. Nicht als Terroristin. Womöglich muss sie sich dafür in einem weiteren Prozess verantworten. In Frankfurt wartet ein zweites Verfahren auf sie. Die Bundesanwaltschaft wirft ihr die Beteiligung an drei RAF-Anschlägen vor, darunter ein Sprengstoffanschlag auf die JVA Weiterstadt 1993 und Schüsse auf die US-Botschaft in Bonn. Das Oberlandesgericht in Frankfurt am Main prüft zurzeit, ob es die Anklage zulässt.
Verteidiger Theune sagt, seine Mandantin wisse nicht, ob und wann sie vom Frauengefängnis in Vechta nach Hessen verlegt werde. Aus Sicherheitsgründen kann das jederzeit und vor allem ohne Ankündigung geschehen. »Das ist belastend für sie. Aber sie zeigt sich kämpferisch und stark.«
lIlegalität als einzige Alternative
Von dem Urteil wirkt Klette wenig mitgenommen: Sie umarmt ihre Verteidiger, winkt ins Publikum, formt mit beiden Händen ein Herz. So trat sie bereits an vielen vergangenen Verhandlungstagen auf. In ihrem Schlussvortrag gab sie vor Kurzem Einblick in ihr einstiges Leben im Untergrund. Die Illegalität sei die einzige Alternative für sie als radikale Linke gewesen, sagte Klette. Die Betroffenen der Raubüberfälle täten ihr leid. Eine Beteiligung räumte sie nicht ein, sagte aber, sie sei erstaunt darüber, wie schlecht die Betroffenen auf Überfälle vorbereitet seien.
Opferanwalt Steffen Hörning, der den Fahrer eines Geldtransporters vertritt, nimmt nach dem Urteil darauf Bezug. Sein Mandant sei bis heute arbeitsunfähig, habe spätestens nach dem Plädoyer von Klette »jede Hoffnung auf Einsicht und Reue auf ihrer Seite aufgegeben«. Die Höhe der Strafe findet Hörning »angemessen«. Er sagt: Wer das Leid eines Fahrers, der mit einer scharfen Schusswaffe überfallen werde, »nicht in dem Überfall selbst« sehe, sondern »in angeblich schlechter Ausbildung« und »vermeintlich mangelhaften Dienstanweisungen«, dem sei »tatsächlich nicht mehr zu helfen«.
Verteidiger Theune sagt zum Urteil: »Wir haben nichts anderes erwartet, schließlich stand das Landgericht unter enormen Druck.« Sollte das Urteil rechtskräftig werden, wäre »die logische Konsequenz, dass wenigstens das zweite Verfahren in Frankfurt eingestellt wird«. Mehr als 15 Jahre Freiheitsstrafe könnten insgesamt nicht verhängt werden.
Am Ende dieses letzten Verhandlungstages ist alles so wie an den vorangegangenen: Daniela Klette spricht noch kurz mit ihren Anwälten, anschließend steigt sie in einen der gepanzerten Transporter, der durch ein Spalier von Polizisten abfährt. Am Rand stehen ihre Unterstützerinnen und Unterstützer, halten Transparente hoch, schenken Klette einen letzten Applaus. Ariane Müller geht zur Bushaltestelle.